Ehe man den ersten Satz zu Papier gebracht hat, muss man sich als angehender Autor viele kleine technische Details überlegen. Eines davon ist die Frage der Erzählperspektive. Als Schreibanfänger mag man sich eventuell keine Gedanken darüber machen: Man schreibt einfach drauf los und wählt den Stil, der einem natürlich zukommt. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein: Man hat schon einmal davon gehört, dass es verschiedene Stile gibt und nun starrt man ewig auf das leere Blatt und weiß nicht, woher man wissen soll, was richtig ist. Genau dieser Frage möchte ich in diesem Beitrag nachgehen.
Ich schicke direkt voraus, dass
ich hier keine literaturwissenschaftliche Analyse betreibe und entsprechend die
beiden Kategorien Erzählperspektive und Erzähltechnik in einen Topf schmeiße
und drei verschiedene Erzähler daraus kreiere. Dies hat den einfachen Grund,
dass einem in moderner Literatur und insbesondere bei jüngeren Autoren diese drei Typen von Erzählern am häufigsten über den Weg laufen und
entsprechend für den Leser leichter zu verstehen ist, worauf ich hinaus will,
wenn ich nicht zu wissenschaftlich werde.
Der auktoriale Erzähler
Eine heutzutage sehr selten
genutzte Form ist die Perspektive des auktorialen Erzählers, manchmal auch
allwissender Erzähler genannt. Hierbei handelt es sich um einen Stil, der nicht
davor scheut, dem Leser deutlich zu machen, dass es einen Erzähler gibt. Viele
Märchen sind in dieser Form geschrieben, wenn man sie liest, hat man
unwillkürlich einen Großvater oder eine Großmutter vor Augen, die von
vergangenen Ereignissen in der Ferne der Fantasiewelt erzählen. Der auktoriale
Erzähler, der allwissend ist, schaut von oben auf die Welt und die Personen
herab, er weiß zu jedem Zeitpunkt, was welche Figur denkt und tut. Nicht selten
fließen eigene Bewertungen dessen, was geschieht mit ein, teilweise wird sogar
das Wörtchen "Ich" eingebaut. Ein auktorialer Erzähler kann niemals
Teil der Geschichte sein, da er sonst keine allwissende Position einnehmen
kann.
Genauso ist es jedoch möglich,
dass der auktoriale Erzähler nur so viel weiß wie beispielsweise die
Hauptfigur, oder dass er zumindest so tut, als wäre das der Fall. Ein
interessantes Beispiel für einen auktorialen Erzähler, der nicht allwissend
ist, ist die Geschichte "Frankenstein" von Mary Shelley. Darin gibt
es einen Erzähler, der sich direkt zu Beginn auch als Verfasser der Zeilen zu
erkennen gibt. Er erzählt nicht seine eigene Geschichte, sondern die von Frankenstein,
und zwar in der Form, wie Frankenstein sie ihm erzählt hat. Er gibt also die
Geschichte einer anderen Person wieder. Besonders spannend an dieser Geschichte
ist jener Punkt, an dem Frankenstein auf sein Monster trifft und dieses Monster
ihm seine bisherige Lebensgeschichte erzählt. Der Verfasser erzählt also eine
Geschichte, die ihm wiederum Frankenstein erzählt hat, der wiederum Teile der
Geschichte von seinem Monster erfahren hat. Auch aufgrund dieses Stils gehört
Frankenstein zu einem meiner Lieblingsbücher.
Der Ich-Erzähler
Wieder im Kommen scheint derzeit
die Form des Ich-Erzählers zu sein, was wir sicherlich auch
"Twilight" und der dazugehörigen Fanfiction (inzwischen
eigenständigem Roman) "Fifty Shades of Grey" zu verdanken haben, die
beide in diesem Stil verfasst sind und enorme Popularität errungen haben. Der
Ich-Erzähler ist, wie der Name schon sagt, eine Form, bei der der Verfasser aus
seiner eigenen Perspektive erzählt. Er muss nicht zwingend die Hauptfigur sein
- beispielsweise ist "Sherlock Holmes" aus der Ich-Perspektive
geschrieben, allerdings von Doktor Watson, der ja bekanntlich nicht die
Hauptperson ist - häufig ist dies jedoch heutzutage der Fall. Die
Ich-Perspektive bietet sehr viele Möglichkeiten und verschiedenste
Ausgestaltungsformen, doch wer darüber nachdenkt, diese Form zu wählen, sollte
sich auch der Nachteile bewusst sein. Als Ich-Erzähler ist man niemals
allwissend. Man hat immer eine Perspektive und man muss sich darüber im Klaren
sein, dass dem Leser dadurch eventuell Informationen, die einem als Autor
völlig klar sind, verloren gehen. Das ist natürlich gleichzeitig auch die große
Stärke dieser Form, da man mit kaum einer anderen Perspektive den Leser so
leicht an der Nase herumführen kann. Doch nur, wenn man sich bewusst ist, dass
der gewählte Ich-Erzähler die Welt durch seine persönliche Brille sieht und
entsprechend nicht alle Informationen zur Verfügung haben kann, nur dann kann
man diesen Stil mir Erfolg bewältigen!
Meine persönliche Meinung ist,
dass jeder, der einfach nur eine Geschichte erzählen will, lieber den
personalen Erzähler nutzen sollte, da dieser leichter umzusetzen ist und der
Stil meistens flüssiger zu lesen ist. Ich selbst habe noch nie eine Geschichte
aus der Ich-Perspektive geschrieben. Im Gegensatz dazu sind viele englische
Klassiker so geschrieben - und ich liebe es. Das meines Erachtens beste Buch,
"Dracula" von Bram Stoker, besteht beispielsweise aus Briefen und
Tagebucheinträgen mehrerer verschiedener Hauptfiguren. Sie alle berichten aus
ihrer Perspektive, sie alle legen sehr intensiv ihre Gedanken dar, sie alle
schreiben deutlich unterschiedlich und bewerten Situationen deutlich anders.
Durch die unfassbare Erzählmacht von Stoker entsteht so ein Roman, der an
Spannung kaum zu überbieten ist, und der einen so nah wie kaum ein anderer an
jede einzelne Figur bindet. Tagebücher und Briefe sind eine Kategorie der
Ich-Perspektive, die ich persönlich sehr schätze.
Auch H. P. Lovecraft nutzt für
seine einflussreichen Kurzgeschichten im Horror- und Fantasy-Genre meistens den
Ich-Erzähler. Wer so einen Roman schreiben kann und es dabei schafft, genauso
viel Spannung und Handlung zu entwickeln wie beispielsweise mit einem
personalen Erzähler, verdient den höchsten Respekt. Leider kenne ich kein
zeitgenössisches Buch, das sich dieser Form bedient beziehungsweise sich ihrer
erfolgreich bedient. Wer mir das Gegenteil beweisen kann, ist herzlich
eingeladen, mir einen Kommentar mit einer Empfehlung zu hinterlassen. Für mich
bleibt jedoch die ganz persönliche Meinung, dass die Ich-Form, wenn sie nicht
mit Überlegung und Bedacht gewählt wurde, meistens keine gute Form ist.
Deswegen lasse ich die Finger von solchen Büchern.
Der personale Erzähler
Zu guter Letzt widme ich jenem
Stil, der wohl von allen am häufigsten genutzt wird: der personale Erzähler.
Hierbei handelt es sich um eine Form, die die Vorteile des auktorialen
Erzählers mit jenen des Ich-Erzählers kombiniert: Es gibt keinen für den Leser
erkennbaren Verfasser des Textes, stattdessen wird aus der Sicht einer (oder
verschiedener) Hauptpersonen der Geschichte erzählt. Anstatt "Ich"
wird mit "Er" / "Sie" und manchmal auch "Es"
gearbeitet, was einen angenehmeren Lesefluss ermöglicht. Wie beim Ich-Erzähler
ist der Leser auf die Person beschränkt, aus deren Perspektive erzählt wird,
man ist also nicht allwissend und kann Gefühle und Handlungen anderer nur aus
der Sicht der erzählten Person bewerten.
Im Gegensatz zu der
Ich-Perspektive ist der Leser jedoch nicht daran gebunden, zu denselben
Einschätzungen wie die handelnde Person zu kommen. Während in der
Ich-Perspektive die Autorität über die Bewertung sämtlicher Ereignisse stets
beim Autor liegt, ist es in der personalen Form durchaus möglich, dass man sich
nicht mit der Figur identifiziert. So habe ich beispielsweise während der
ersten etwa drei Bände von Harry Potter mehr oder minder alles ebenso bewertet
wie dieser. Im vierten, spätestens aber im fünften Buch fing ich jedoch an, in
Harry immer mehr das zu sehen, was Snape in ihm sah, und ich begann, seine
Einschätzung vieler Situationen abzulehnen. Rowling hat sich für die Form des
personalen Erzählers entschieden und schreibt fast ausschließlich aus der Sicht
von Harry. Es ist jedoch durchaus möglich, dass man mehrere Figuren als
erzählte Person nutzt. Dies tue ich in den meisten meiner Geschichten: Es gibt
eine klare Hauptperson, aber oft genug erhält man auch kurze Einblicke in die
Handlungen und Gedanken anderer Figuren, wenn ich die Geschichte aus deren
Sicht weiter erzähle.
Der moderne Roman kommt meistens
in dieser Form daher, wohingegen viele Geschichten, die gratis oder gegen
geringes Entgelt im Internet zu lesen sind, sich der Ich-Perspektive bedienen.
Über einen auktorialen Erzähler bin ich hingegen schon lange nicht mehr
gestolpert.
Welche Form aber soll ich nun
wählen, um meine Geschichte zu erzählen? Dazu stelle ich mir folgende Frage:
Möchte ich etwas erzählen, wo der Inhalt im Mittelpunkt steht, wo es wirklich
nur darum geht, eine Geschichte zu erzählen? Dann wähle ich den personalen
Erzähler, da dieser Stil leicht zu schreiben ist und dem Leser deutlich
geläufiger und damit ansprechender ist als die anderen beiden Optionen.
Möchte ich hingegen mit dem
Schreibstil selbst etwas transportieren, kann ich über die anderen beiden
Perspektiven nachdenken. Ich könnte zum Beispiel die Idee haben, dass sich eine
Geschichte nur durch einen Briefwechsel abspielt. Dann hätte ich die
Ich-Perspektive von mindestens zwei, eventuell auch noch mehr Personen. Oder
ich versuche mich an Lovecraft zu orientieren, bei dessen Kurzgeschichten ein
großer Teil des Grusels dadurch entsteht, dass der Leser weiß, dass der
Erzähler bereits Grauenhaftes erfahren hat und einem nur ausschnittsweise
Einblicke darein gewährt. Teilweise geht es sogar soweit, dass man weiß, dass
der Erzähler kurz vor seinem eigenen Tod steht und sich beeilt, seine
Erfahrungen noch mit der Nachwelt teilen zu können. Als das erhöht wahnsinnig
das Erzähltempo und schafft aus sich selbst heraus Spannung.
Ich könnte aber auch einen Roman
schreiben und sagen "Ich bin Gott, heute erzähle ich euch eine lustige
kleine Geschichte, die sich auf der Erde zugetragen hat". Und dann
schreibt man auf, was eine bestimmte Gruppe von Menschen so getan hat, man
macht sich eventuell lustig über die Unwissenheit der Menschen oder bewertet
jede Handlung danach, ob sie religiös ist oder nicht. Dann hätte man einen
auktorialen Erzähler, der einen ganz bestimmten Zweck innerhalb der Geschichte
hat.
Für was auch immer ich mich also
entscheide: Solange die Form, der Stil selbst nicht relevant für die
Geschichte, die ich erzählen will, ist, wähle ich persönlich stets den
personalen Erzähler.

Schöne Aufstellung :-). Wobei es auch immer Mischformen ist, gerade zwischen auktorial und personal mit verschiedenen Perspektiven sind die Grenzen teils fließend, bzw. gibt es sowohl sehr präsente als auch mit Wertungen zurückhaltende auktoriale Erzähler. Ich schreibe meist irgendwo zwischen den Polen personal und auktorial, habe aber ein Projekt, bei dem ich es mal mit der Ich-Form probiere, da es mir da passender erscheint.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Claudia
Hey Claudia, danke für dein Interesse :D
LöschenIch bin mir tatsächlich sehr bewusst, dass meine Aufstellung selbst nur Mischformen darstellt, zumal ich verschiedene Konzepte vermische. Ich habe sie aus meiner Beobachtung heraus geschrieben...
Persönlich schreibe ich immer mit einem personalen Erzählen. Ich habe eine Horror-Kurzgeschichte, dich ich im Lovecraft-Stil aus der Ich-Perspektive geschrieben habe. Auktorial hingegen habe ich noch nie versucht, obwohl ich das mal ganz spannend fände.
Wie kamst du auf die Idee / den Geschmack, mal ein Ich-Form zu versuchen?