Jeder Schriftsteller stellt sich irgendwann einmal die Frage, ob das, was er schreibt, den Leser eigentlich interessiert. Anfänger verzweifeln schon mal an dieser Frage, während der Profi zumindest seine vergangenen Erfolge hat, um sein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Doch je länger man über diese existentielle Frage nachdenkt, umso eher gelangt man am Ende immer zu demselben Gedanken, ganz unabhängig davon, wie lange man schon im Geschäft ist: Habe ich überhaupt Talent zum Schreiben? Dieser Artikel sowie die folgenden in der Serien haben das Ziel, jedem interessierten Autoren zu zeigen, dass es beim Schreiben nicht alleine um naturgegebene Talente geht und diese spezielle Sinnkrise entsprechend leicht überwunden werden kann.
Ich habe bereits vor geraumer
Zeit die Beobachtung gemacht, dass viele Menschen denken, dass man entweder
Talent zum Schreiben hat oder nicht. Dass man entweder von Anfang an gut
schreiben kann oder nicht. Dass entsprechend Seminare, die sich mit kreativem
Schreiben befassen, nur Geldmaschinen für den Anbieter sind, ohne dem Nutzer
wirklich etwas zu bringen. Ich habe diese Einstellung früher geteilt, doch die
Wahrheit ist, wie so häufig, differenzierter.
Persönlich habe ich im Alter von
zwölf Jahren angefangen, ernsthaft zu schreiben. Es waren Geschichten, die für
niemandes Augen gedacht waren, und ich schrieb sie, ohne über das Wie
nachzudenken. Das änderte sich, als ich im Alter von etwa sechzehn Jahren über
das Phänomen der Fanfictions gestolpert bin und darin eine Nische fand, in der
ich meine Geschichten veröffentlichen konnte. Ich fing an, über meine Worte
nachzudenken.
Aus den eigenen Fehlern lernen
Und genau das ist es, was einen
guten Schreibstil ausmacht. Worte zu Papier bringen kann jeder, der das
Schreiben erlernt hat. Doch um kreativen Schreiben, zum Schreiben von Werken,
die andere gerne lesen, gehört mehr. Es reicht nicht aus, einfach die Ideen,
die man hat, niederzuschreiben, auf Grammatik und Rechtschreibung zu achten,
und es dann zu veröffentlichen. Man muss sich ernsthafte Gedanken machen. Wie
drücke ich was aus, welche Gefühle kann dieses Adjektiv im Gegensatz zu jenem
hervorrufen? Das Deutsche gibt uns die Möglichkeit, wundervolle
grammatikalische Konstrukte und lange Sätze zu formulieren, doch wenn man
Spannung erzeugen will, wenn man den Pulsschlag des Lesers erhöhen will, sind
kurze Sätze effektiver.
Mit jedem Satz, den man schreibt
wird man besser. Dazu gehört allerdings, dass man regelmäßig zurück geht und
das Geschriebene erneut liest. Was wollte ich in diesem Kapitel für ein Gefühl
hervorrufen und wenn es mir gelungen ist, wie habe ich das geschafft? Wenn es
mir nicht gelungen ist, was stört mich? Gibt es einen Satz, über den man
stolpert, fehlt vielleicht die tiefe der Gefühle, hätte ich mehr oder weniger
Adjektive nutzen sollen? Nur, wenn man die eigenen Zeilen immer und immer
wieder kritisch hinterfragt, kann man unzureichende Formulierungen erkennen und
sich verbessern.
Aus den Fehlern anderer lernen

Ein sehr altkluger Satz weist uns
darauf hin, dass man aus seinen Fehlern lernen kann. Ich gehe noch weiter und
sage: Man kann auch aus den Fehlern anderer lernen. Und aus den
Errungenschaften anderer. Niemand, der gut schreiben erlernen will, kann darauf
verzichten, sehr viel zu lesen. Egal, welches Genre, egal, ob Klassiker oder
moderne Literatur, nichts fördert das eigene Schreiben so sehr, wie wenn man
sich auf die Werke anderer Schriftsteller einlässt. Es müssen nicht einmal
Werke in der eigenen Sprache sein, wie ich bemerkt habe. Ich lese seit Jahren
fast ausschließlich englischsprachige Literatur, Klassiker aus dem 19.
Jahrhundert, und doch kann ich deutlich feststellen, dass mein Schreibstil sich
genau dadurch verbessert hat. Manchmal stolpere ich über Sätze, die so
unfassbar wohlklingend sind, dass ich sie mir aufschreibe, um immer wieder zu
ihnen zurückzukehren und erneut darüber nachzudenken, warum sie so gut sind.
Früher oder später erkenne ich die Mittel, die der Autor genutzt hat, und kann
sie in meinen eigenen kleinen Werkzeugkasten aufnehmen.
Fleiß bringt dich ans Ziel!
Schreiben ist ein Handwerk, das
man erlernen kann. Sicherlich gibt es Menschen, die eine größere Begabung darin
haben als andere, wie es mit so ziemlich allen Dingen auf der Welt eben so ist.
Doch das bedeutet nicht, dass es nicht theoretisch jeder Mensch erlernen kann.
Eine alte Musiklehrerin von mir hatte keinerlei Begabung für Instrumente oder
fürs Singen, dennoch hat sie Musik studiert und konnte diverse Instrumente
spielen. Ihre Leidenschaft für die Musik, generell für die schönen Künste hat
es ihr erlaubt, mit Fleiß das zu erreichen, was andere mit Talent machen. Dem
geübten Ohr fiel natürlich stets auf, dass ihr Klavierspiel nicht dieselbe
Qualität besaß wie bei einem talentierten Musiker, dennoch konnte sie das
Instrument bedienen, einen Chor begleiten oder komplexe Werke vorspielen.
Ebenso kann jeder, der nur Willens ist zu lernen, ein guter Schriftsteller
werden. Vielleicht kein herausragender, doch gut genug, um von seinen Lesern
Lob zu erhalten und Geschichten zu produzieren, die nicht nur inhaltlich
begeistern, sondern auch sprachlich ansprechend sind.
Ich schreibe inzwischen seit über
fünfzehn Jahren. Und ich lese noch viel länger. Es gibt keinen Tag, an dem ich
nicht lese, und keine Woche, in der ich nicht schreibe. Gerade beispielsweise
habe ich wieder Bram Stokers "Dracula" zur Hand genommen, nicht etwa,
weil ich die Geschichte noch einmal erleben möchte, sondern vielmehr, weil ich
kaum ein Buch kenne, das von so hoher literarischer Qualität ist. Ich möchte
ganz einfach wieder in der Sprache schwelgen und lernen, ebenso fantastische
Zeilen zu Papier bringen zu können.
Ich rate jedem, der Ideen für
eine Geschichte hat: Setze dich hin und schreib! Wenn du unzufrieden bist,
gräme dich nicht, sondern kehre immer wieder zurück und überlege, wie du es
besser machen kannst. Nur Fleiß führt zum Ziel. Schreiben ist, wie so vieles im
Leben, ein Lernprozess, der niemals endet.